Cicero: De Amicitia – Kapitel 26 – Übersetzung

Lateinischer Text: Deutsche Übersetzung:
Kapitel 26
Laelius: Vim hoc quidem est adferre. Quid enim refert qua me ratione cogatis? Cogitis certe. Laelius: Das bedeutet wenigstens Gewalt antun. Was nämlich ist euch daran gelegen mit welcher Methode ihr mich zwingt? Ihr zwingt mich wahrlich.
Studiis enim generorum, praesertim in re bona, cum difficile est, tum ne aequum quidem obsistere. Sich dem eifrigen Interesse der Schwiegersöhne, besonders in einer guten Sache, zu widersetzen ist nämlich nicht nur schwierig, sondern sogar nicht einmal gerecht.
Saepissime igitur mihi de amicitia cogitanti maxime illud considerandum videri solet, utrum propter imbecillitatem atque inopiam desiderata sit amicitia, ut dandis recipiendisque meritis quod quisque minus per se ipse posset, id acciperet ab alio vicissimque redderet, an esset hoc quidem proprium amicitiae, sed antiquior et pulchrior et magis a natura ipsa profecta alia causa. Mir, der ich sehr häufig über die Freundschaft nachdenke, ist es also gewohnt jenes als besonders beachtenswerte zu scheinen, ob die Freundschaft wegen einer Schwäche oder Not ersehnt wird, damit man durch das Geben und Erhalten von Wohltaten das, was man nicht so sehr für sich selbst kann, von einem andern empfängt und wiederum zurückgibt, oder ob dies wenigstens ein Merkmal der Freundschaft ist, aber es einen älteren und schöneren und eher von der Natur selbst vorgebrachten anderen Grund gibt.
Amor enim, ex quo amicitia nominata est, princeps est ad benevolentiam coniungendam. Die Liebe nämlich, nach der die Freundschaft benannt wurde, ist das Erste zur Verbindung des Wohlwollens.
Nam utilitates quidem etiam ab iis percipiuntur saepe qui simulatione amicitiae coluntur et observantur temporis causa, in amicitia autem nihil fictum est, nihil simulatum et, quidquid est, id est verum et voluntarium. Denn Vorteile erhält man freilich auch oft von denen, die in der Nachahmung einer Freundschaft im Drang des Augenblicks verehrt und geschätzt werden, in der Freundschaft aber gibt es nichts erdachtes, nichts vorgetäuschtes, und was es auch immer gibt, das ist sowohl echt, als auch freiwillig.

Cicero: De Amicitia – Kapitel 27 – Übersetzung

Lateinischer Text: Deutsche Übersetzung:
Kapitel 27
Quapropter a natura mihi videtur potius quam ab indigentia orta amicitia, applicatione magis animi cum quodam sensu amandi quam cogitatione quantum illa res utilitatis esset habitura. Deswegen scheint mir die Freundschaft eher vom menschlichen Wesen als von einer Bedürftigkeit entstanden zu sein, mehr durch eine Zuneigung des Geistes mit einem gewissen Gefühl des Liebens als durch Erwägung wie viel Nutzen jene Sache haben wird.
Quod quidem quale sit, etiam in bestiis quibusdam animadverti potest, quae ex se natos ita amant ad quoddam tempus et ab eis ita amantur ut facile earum sensus appareat. Wie dies freilich ist, kann man auch bei gewissen Tieren wahrnehmen, die, die von sich geborenen bis zu einem gewissen Zeitpunkt so lieben und von diesen so geliebt werden, dass deren Gefühl leicht offenbar wird.
Quod in homine multo est evidentius, primum ex ea caritate quae est inter natos et parentes, quae dirimi nisi detestabili scelere non potest; Dies ist beim Menschen viel ersichtlicher, zunächst an der Liebe, die es zwischen Kindern und Eltern gibt, die nicht außer durch ein abscheuliches Verbrechen beseitigt werden kann;
Deinde cum similis sensus exstitit amoris, si aliquem nacti sumus cuius cum moribus et natura congruamus, quod in eo quasi lumen aliquod probitatis et virtutis perspicere videamur. Ferner wenn ein ähnliches Gefühl der Liebe entstanden ist, wenn wir irgendjemanden treffen, mit dessen Charakter und Wesen wir im Einklang stehen, weil wir in diesem gleichsam irgendein leuchtendes Vorbild der Rechtschaffenheit und Tugend klar zu erkennen glauben.