Vergil – Aeneis – Liber quartus – Vers 296-361 – Übersetzung

At regina dolos (quis fallere possit amantem?)
praesensit, motusque excepit prima futuros
omnia tuta timens. eadem impia Fama furenti
detulit armari classem cursumque parari.
saeuit inops animi totamque incensa per urbem 300
bacchatur, qualis commotis excita sacris
Thyias, ubi audito stimulant trieterica Baccho
orgia nocturnusque uocat clamore Cithaeron.
tandem his Aenean compellat uocibus ultro:
‚dissimulare etiam sperasti, perfide, tantum 305
posse nefas tacitusque mea decedere terra?
nec te noster amor nec te data dextera quondam
nec moritura tenet crudeli funere Dido?
quin etiam hiberno moliri sidere classem
et mediis properas Aquilonibus ire per altum, 310
crudelis? quid, si non arua aliena domosque
ignotas peteres, et Troia antiqua maneret,
Troia per undosum peteretur classibus aequor?
mene fugis? per ego has lacrimas dextramque tuam te
(quando aliud mihi iam miserae nihil ipsa reliqui), 315
per conubia nostra, per inceptos hymenaeos,
si bene quid de te merui, fuit aut tibi quicquam
dulce meum, miserere domus labentis et istam,
oro, si quis adhuc precibus locus, exue mentem.
te propter Libycae gentes Nomadumque tyranni 320
odere, infensi Tyrii; te propter eundem
exstinctus pudor et, qua sola sidera adibam,
fama prior. cui me moribundam deseris hospes
(hoc solum nomen quoniam de coniuge restat)?
quid moror? an mea Pygmalion dum moenia frater 325
destruat aut captam ducat Gaetulus Iarbas?
saltem si qua mihi de te suscepta fuisset
ante fugam suboles, si quis mihi paruulus aula
luderet Aeneas, qui te tamen ore referret,
non equidem omnino capta ac deserta uiderer.‘ 330
Dixerat. ille Iouis monitis immota tenebat
lumina et obnixus curam sub corde premebat.
tandem pauca refert: ‚ego te, quae plurima fando
enumerare uales, numquam, regina, negabo
promeritam, nec me meminisse pigebit Elissae 335
dum memor ipse mei, dum spiritus hos regit artus.
pro re pauca loquar. neque ego hanc abscondere furto
speraui (ne finge) fugam, nec coniugis umquam
praetendi taedas aut haec in foedera ueni.
me si fata meis paterentur ducere uitam 340
auspiciis et sponte mea componere curas,
urbem Troianam primum dulcisque meorum
reliquias colerem, Priami tecta alta manerent,
et recidiua manu posuissem Pergama uictis.
sed nunc Italiam magnam Gryneus Apollo, 345
Italiam Lyciae iussere capessere sortes;
hic amor, haec patria est. si te Karthaginis arces
Phoenissam Libycaeque aspectus detinet urbis,
quae tandem Ausonia Teucros considere terra
inuidia est? et nos fas extera quaerere regna. 350
me patris Anchisae, quotiens umentibus umbris
nox operit terras, quotiens astra ignea surgunt,
admonet in somnis et turbida terret imago;
me puer Ascanius capitisque iniuria cari,
quem regno Hesperiae fraudo et fatalibus aruis. 355
nunc etiam interpres diuum Ioue missus ab ipso
(testor utrumque caput) celeris mandata per auras
detulit: ipse deum manifesto in lumine uidi
intrantem muros uocemque his auribus hausi.
desine meque tuis incendere teque querelis; 360
Italiam non sponte sequor.‘


Deutsche Übersetzung:
Auseinandersetzung zwischen Dido und Aeneas (Buch 4)
Doch die Königin ahnte die Listen (wer könnte eine Liebende täuschen?) und erriet als erste die künftigen Veränderungen, sie war vor allem, selbst dem Sicheren, in Angst (wörtl. alles, selbst das Sichere fürchtend). Eben jene ruchlose Fama hinterbrachte der Rasenden, dass die Flotte ausgerüstet und die Abfahrt vorbereitet werde. Besinnungslos tobt sie, und leidenschaftlich entbrannt durchstreift sie die ganze Stadt wie eine Bacchantin, die von den hervorgeholten Kultgegenständen in Leidenschaft versetzt worden ist, sobald mit dem Bacchusruf die (nächtlichen) orgiastischen Feiern, die jedes dritte Jahr wiederkehren, (sie) antreiben und der Kithairon (sie) in der Nacht mit Geschrei ruft. Schließlich spricht sie von selbst Aeneas mit folgenden Worten an: „Hast du auch noch gehofft, du Treuloser, ein so großes Verbrechen verheimlichen zu können und in aller Stille (auch: heimlich) aus meinem Land fortzugehen? Hält dich weder unsere Liebe noch die einst versprochene Treue (wörtl. gegebene rechte Hand) noch der Gedanke, dass Dido eines grausamen Todes sterben wird (wörtl. Dido, die im Begriff ist/die Absicht hat …zu sterben), zurück? Ja, sogar zur Winterzeit rüstest du die Flotte und beeilst doch, mitten in den Nordstürmen über die hohe See zu fahren, du Grausamer? Was (würdest du tun), wenn du nicht fremde Gegenden und unbekannte Häuser aufsuchtest und wenn das alte Troja (noch) stünde? Würde Troja über das wogenreiche Meer mit Flotten aufgesucht werden (besser: aktiv: würdest du … aufsuchen)? Vor mir also fliehst du? Bei diesen (meinen) Tränen und deiner (mir gegebener) Rechten bitte ich dich, (weil ich mir Armen selbst nicht anderes mehr übriggelassen habe), bei unserem Ehebund, bei der begonnenen Hochzeit, wenn ich mich in irgendeiner Weise um dich verdient gemacht habe oder wenn dir von mir etwas Liebes widerfahren ist, erbarme dich des sinkenden Königshauses und gib, wenn (es) noch irgendeine Gelegenheit für Bitten (gibt), diese (deine) Absicht auf. Deinetwegen hassen (mich) die Stämme Libyens und die Herrscher der Nomaden, (sind mir) die Tyrer feindlich gesinnt; auch nur deinetwegen (ist) das Schamgefühl ausgelöscht und der frühere gute Ruf, mit dem allein ich mich den Sternen näherte. Wem (zur Beute) läßt du mich Sterbende im Stich, Gastfreund (da nur diese Bezeichnung vom Gatten übrigbleibt)?. Wozu zögere ich? Etwa bis der Bruder Pygmalion meine Mauern zerstöre oder der Gätuler larbas (mich) als Gefangene wegführe. Wenn ich wenigstens ein Kind von dir vor deiner Flucht bekommen hätte (wörtl. wenn wenigstens ein Nachkomme mir von dir … aufgehoben worden wäre), wenn mir (nur) ein kleiner Aeneas im Hof spielte, der doch dein Ebenbild wäre (wörtl. der dich dennoch mit Antlitz wiederbrächte), (dann) fürwahr würde ich mich nicht als gänzlich betrogen und verlassen betrachten.“
(331) Dies hatte sie gesprochen. Jener hielt infolge der Ermahnungen Juppiters die Augen unbewegt und unterdrückte standhaft sein Liebesleid tief im Herzen. Endlich erwidert er weniges: „Ich werde niemals leugnen, dass du, Königin, dich um sehr viele Wohltaten (mir gegenüber), die du mit Worten (wörtl. durch Sprechen) aufzuzählen vermagst, verdient gemacht hast, noch wird es mir leid tun, an Elisa zu denken, solange ich denken kann, solange ein Atem diese (meine) Glieder bewegt. Zur Sache möchte ich weniges sagen. Weder habe ich gehofft, diese (meine) Flucht heimlich zu verbergen (nimm das nicht an), noch habe ich jemals Anspruch auf eine Ehe [wörtl. die Hochzeitsfackeln eines Gemahls vor mir hergetragen] erhoben oder bin zu einem derartigen Bund gekommen. Wenn das Schicksal mich nach meinen Wünschen das Leben führen und allein die Sorgen beruhigen ließe, würde ich zuerst für die Stadt Troja und die lieben Gräber (wörtl. Überreste) der Meinen sorgen, die hohen Häuser des Priamos würden weiterbestehen, und mit eigener Hand hätte ich Pergama (als) neu erstehende (Burg) den Besiegten aufgerichtet. So aber hat mir Apollo von Gryneion, haben mir die lykischen Orakelsprüche befohlen, in das große Italien, nach Italien zu eilen; dort ist die Liebe, dort die Heimat. Wenn dich als Phönikerin die Burgen Karthagos und der Anblick der libyschen Stadt festhält, warum mißgönnst (wörtl. welchen Neid hast du) du dann den Teukrern, sich im ausonischen Land niederzulassen? Auch wird haben ein Anrecht (darauf), ein Reich in der Ferne zu suchen. Sooft die Nacht mit feuchten Schatten die Länder bedeckt, sooft sich die glühenden Sterne erheben, ermahnt und erschreckt mich im Schlaf das erregte Traumbild des Vaters Anchises. Mich (bewegt) der Knabe Ascanius und das an seinem teuren Haupt (begangene) Unrecht, den ich um die Herrschaft über Hesperien und die vom Schicksal bestimmten Gefilde bringe. Nun hat mir auch der Götterbote, der von Juppiter selbst gesandt wurde, – ich schwöre es bei (unseren) beiden Häuptern – Befehle durch die schnell dahintragenden Lüfte überbracht: ich selbst habe den Gott in hellem Licht durch die Mauern treten gesehen und seine Stimme mit meinen Ohren vernommen (wörtl. eingesaugt/getrunken) Hör’ auf, mich und dich mit deinen Klagen zu quälen. Ich suche Italien nicht freiwillig auf.“

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