Ovid – Fasti – Liber secundus – Arion – Übersetzung

Quod mare non novit, quae nescit Ariona tellus?
carmine currentes ille tenebat aquas.
saepe sequens agnam lupus est a voce retentus, 85
saepe avidum fugiens restitit agna lupum;
saepe canes leporesque umbra iacuere sub una,
et stetit in saxo proxima cerva leae,
et sine lite loquax cum Palladis alite cornix
sedit, et accipitri iuncta columba fuit. 90
Cynthia saepe tuis fertur, vocalis Arion,
tamquam fraternis obstipuisse modis.
nomen Arionium Siculas impleverat urbes
captaque erat lyricis Ausonis ora sonis;
inde domum repetens puppem conscendit Arion, 95
atque ita quaesitas arte ferebat opes.
forsitan, infelix, ventos undasque timebas:
at tibi nave tua tutius aequor erat.
namque gubernator destricto constitit ense
ceteraque armata conscia turba manu. 100
quid tibi cum gladio? dubiam rege, navita, puppem:
non haec sunt digitis arma tenenda tuis.
ille, metu pavidus, ‚mortem non deprecor‘ inquit,
’sed liceat sumpta pauca referre lyra.‘
dant veniam ridentque moram: capit ille coronam, 105
quae possit crines, Phoebe, decere tuos;
induerat Tyrio bis tinctam murice pallam:
reddidit icta suos pollice chorda sonos,
flebilibus numeris veluti canentia dura
traiectus penna tempora cantat olor. 110
protinus in medias ornatus desilit undas;
spargitur impulsa caerula puppis aqua.
inde (fide maius) tergo delphina recurvo
se memorant oneri subposuisse novo.
ille, sedens citharamque tenens, pretiumque vehendi 115
cantat et aequoreas carmine mulcet aquas.
di pia facta vident: astris delphina recepit
Iuppiter et stellas iussit habere novem.


Deutsche Übersetzung: (Buch 2, Vers 83-118)
Arion
Welches Meer kennt nicht, welches Land weiß nichts von Arion? Jener hielt durch ein Lied die fließenden Wasser an; oft wurde der Wolf, ein Schaf verfolgend, von seiner Stimme zurückgehalten, und oft blieb das Lamm, vor dem gefräßigen Wolf fliehend, stehen; oft lagen Hunde und Hasen gemeinsam im Schatten, und die Hirschkuh stand auf einem Felsen nahe bei der Löwin; und der geschwätzige Rabe saß ohne Streit neben dem Steinkauz der Athene und vereint war die Taube mit dem Habicht. Artemis soll oft über deine Weisen, liederreicher Arion, so Abstand wie über die des Bruders, gestaunt haben. Der Namen des Arion hatte sizilische Städte erfüllt und die Ausonische Küste (=Süditalien) war durch seine lyrischen Klänge gefangen gewesen. Von hier bestieg Arion, nach Hause strebend, ein Schiff, und führte so die durch seine Kunst erworbenen Schätze mit sich. Vielleicht fürchtetest du, Unglücklicher, Winde und Wellen: aber das Meer war dir sicherer als dein Schiff. Denn der Steuermann stand da mit gezückten Schwert, und (mit ihm) die übrige mitwissende Schar mit bewaffneter Hand. „Was willst du mit dem Schwert? Lenke das schwankende Schiff, Seemann! Deine Finger dürfen nicht diese Waffen halten!“, Jener sagte frei von Furcht, „ich will den Tod nicht durch Bitten abwenden, aber es möge mir erlaubt sein, (euch) ein wenig auf der genommenen Leier vorzutragen.“ Sie gaben ihm die Erlaubnis und lachten über die Verzögerung. Jener ergreift den Kranz, der dein Haar, o Phoebus (Apoll), schmücken könnte; er zog den durch den Saft der Purpurschnecke zweimal gefärbten Mantel an, und die durch den Daumen geschlagene Saite, gab ihre Klänge von sich, gleichwie der Schwan, dessen weiß schimmernde Brust von harten Pfeilen durchbohrt ist, weinende Weisen singt. Vorwärts stürzt er sich mit dem Schmuck mitten in die Wellen, und das blaue Schiff wurde durch das aufgewühlte Wasser, angespritzt. Hierauf – unglaublich – erinnert man sich, daß ein Delphin die neue Last auf seinen gekrümmten Rücken genommen hat. Jener saß und hielt die Leier und sang als Preis für die Fahrt und durch das Lied besänftigte er die Meerwasser. Die Götter sahen die gute(n) Tat(en): Juppiter nahm den Delphin unter den Gestirnen auf und befahl, daß er neun Sterne hat.

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